Interview mit Bloggerin Jana Crämer

Interview mit Bloggerin Jana Crämer

Mit ihrer Essstörung geht Jana Crämer auf ihrem Blog "Endlich ich" ganz offen um. Und auf ihrem Instagram-Kanal folgen der sympathischen Autorin über 10.000 Menschen.
In einem ehrlichen Interview sprach sie mit uns über Ängste, Hoffnung – und ihr zweites Buch "Unvergleichlich Du!".

Du bist mit deiner Geschichte jetzt sogar auf Konzertreise, hast viel darüber erzählt. Wann hat deine Essstörung begonnen?

Ich war schon immer „mehr“ als andere Mädels. Aber zu einer Essstörung hat es sich entwickelt, als ich aufs Gymnasium gewechselt bin. Plötzlich waren da neue Leute, neue Lehrer, neue Anforderungen und natürlich auch neue Vergleiche. Plötzlich ging es nicht mehr darum nett und unauffällig zu sein, sondern alles Bestand nur noch aus Vergleichen. Auch zu Hause lief es nicht gut: Meine Eltern hatten ständig Stress, weil mein Vater schwerer Alkoholiker war. Das hat jeden Abend für Chaos gesorgt. Ich hatte überall das Gefühl die Kontrolle zu verlieren. Dann hatte ich die „schlaue Idee“ mit einer Diät, die Kontrolle zurück zu gewinnen. Ich erinnere mich noch genau: In Einer Zeitung stand: „Nur noch bis 17 Uhr essen“. Und ich dachte mir: Okay, das kann ich. Es hat funktioniert und ich habe abgenommen. Dann gab es die ersten Komplimente und damit die Erkenntnis: Wow, ich kann das. Ich hatte sonst nichts im Griff, aber das Essen zu kontrollieren ist eben sehr einfach. Aus „bis 17 Uhr“ essen wurde dann nur noch bis 15 Uhr essen, dann morgens nur noch eine Stunde lang essen. Ich wurde immer extremer und disziplinierter. Je mehr der Rest meines Lebens mir entglitten ist, desto disziplinierter wurde ich beim Essen. Ich habe mal zwei Wochen gar nichts gegessen. Aber irgendwann kam immer der Fress-Flash. Da hat sich die Überforderung ihren Raum gesucht. Währenddessen habe ich mir parallel schon die nächste Diät ausgesucht. Und klar, dann kommt natürlich der Jojo-Effekt. Irgendwann hatte ich eine Phase, wo ich sehr, sehr dünn war, aber von Diät zu Diät wurden es wieder ein paar Kilo mehr.

Ab wann konntest du dir eingestehen, dass das nicht normal ist, sondern eine Störung?

Das war noch zu Schulzeiten. Ab dem Moment, als ich das erste Mal über der Toilette hing. Ich habe Binge Eating gepaart mit bulimische und anorexischen Phasen. Essstörungen in eine Schublade zu stecken, finde ich schwierig, denn im Endeffekt ist es immer auf eine Überforderung mit dem Leben zurückzuführen. In den einen Phasen passt es mit dem Hungern besser, in der nächsten mit dem Übergeben und dann wieder mit dem Fressen. Dass es nicht normal ist, habe ich sehr schnell gemerkt. In der Öffentlichkeit habe ich nur noch Salat und gesunde Sachen gegessen und mir zu Hause den anderen Kram reingestopft. Ich dachte immer: Ich bin da alleine reingekommen, also komm ich auch alleine raus. Das war mein großes Problem. Ich habe mir keine Hilfe zuegstanden, ich wollte mit niemandem darüber sprechen und dachte, ich bekomme das schon hin, ich muss nur disziplinierter werden. Ich dachte, die Disziplin ist mein Problem.

Du hast dir Hilfe bei deinem besten Freund Bato gesucht.

Ja, das war nicht ganz freiwillig.  Wir waren auf Tour im Nightliner unterwegs. Auf engstem Raum bleibt natürlich kein Platz für heimlich fressen und kotzen. Deshalb habe ich alles an ihm ausgelassen. Ich habe jeden Streit vom Zaun gebrochen, aus jeder Mücke einen Elefanten gemacht. Er wurde immer trauriger, ich habe das aber nicht mit mir in Verbindung gebracht. Irgendwann habe ich ihn beiseite genommen und ihm gesagt, dass ich mir Sorgen mache. Da meinte er: Ich habe das Gefühl, ich mache alles falsch und wir geraten nur noch aneinander, ich bin völlig hilflos.

Da habe ich gemerkt, dass er wegen mir traurig ist. Er ist mir der liebste Mensch der Welt. Ich wollte alles, aber nicht, dass er unter mir leidet. Dann habe ich ihm alles aufgeschrieben. Das war wie ein Befreiungsschlag. Auf einmal hat er mein ganzes Leben bekommen.

Ich habe ihm sogar meinen Körper beschrieben, damit er weiß wie er aussieht. Ich dachte, ich packe einmal alles auf den Tisch, danach gibt es keine Geheimnisse mehr. Dann ist einmal alles draußen und dann kann er entscheiden, wie sehr er sich vor mir ekelt, wie schnell er gehen möchte. Aber er ist geblieben. Er hat mich ermutigt, mein Buch zu veröffentlichen und hat mir den Song „Unvergleichlich“ gewidmet. Dann ging alles Schlag auf Schlag. Deswegen ist es so besonders, es klingt wie ein Kinofilm.

Fehlt nur noch, dass er dich auf einem weißen Pferd in den Sonnenuntergang reitet.

Er ist mein Held, aber er ist nicht mein Retter. Es war ein schwerer Prozess das einzusehen. Er wollte mich so gerne retten und ich wollte mich so gerne retten lassen. Aber das funktioniert nicht. Aus einer Essstörung kann man sich nur selber retten. Man kann Hilfe annehmen, aber man kann sich nicht retten lassen. Das hat gebraucht, bis wir das akzeptieren konnten – bis dahin sind viele Tränen geflossen. Irgendwann haben wir uns eingestanden, dass da professionelle Hilfe ran muss. Und wir mussten auch einsehen: Es ist nicht die Aufgabe eines besten Freundes, einen aus so etwas herauszuholen. Diesen Schuh sollte sich niemand anziehen. Das kann ich allen raten. Versucht euch nicht als Therapeuten, auch alle Mamas und Paps sollten das nicht versuchen. Viel sinnvoller ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist das einzige was wirklich hilft. Sonst lässt man sich sehr schnell fallen, das habe ich eine Zeit lang auch gemacht und habe mich in dieses weiche Bett gelegt von „mir wird geholfen“ gelegt. Das hat mich nicht gesünder gemacht. Aber das musste ich erst einmal schmerzhaft lernen.

Nimmst du aktuell noch professionelle Hilfe in Anspruch?

Ja. Seit 2017. Natürlich ist es für mich etwas schwierig, weil ich nicht regelmäßig hingehen kann. Ich bin viel auf Tour, viel unterwegs. Ich nutze ein online Therapie-Programm, was mir wirklich gut hilft, um zu überbrücken. Ich kann es jedem nur empfehlen, sich einen Therapeuten zu gönnen. Wenn es einem nicht gut geht, sollte man Hilfe zulassen und nicht denken, „Ach, anderen geht es viel schlechter, ich habe es gar nicht verdient, hier zu sein.“ Natürlich gibt es die, aber auch ein Therapeut muss Geld verdienen. Man stiehlt schließlich nicht seine Zeit, es ist sein Job. Leiden ist kein Wettbewerb und nicht vergleichbar. Eine Sache, die mir den Boden unter den Füßen wegzieht ist für eine andere Person gar nicht schlimm, weil sie einen ganz anderen Hintergrund hat.

Wie kamst du auf die Idee mit den Nacktbildern?

Ich habe nie Kleider angezogen, weil sie nie gepasst haben. Nachdem ich dann abgenommen hatte, habe ich zur Hochzeit einer Freundin ein langes Abendkleid angezogen und ein Foto gepostet, weil ich mich darin schön fand. Innerhalb von wenigen Minuten hatte ich unendlich viele Nachrichten von Mädels: „Wow, dein Leben muss jetzt mega krass sein! Du musst so glücklich sein. Ich mach grade auch eine Crash-Diät“ usw. Und ich dachte mir nur: Nein, mein Leben ist jetzt kein Ponyhof, nur weil ich abgenommen habe. Und ganz ehrlich: Texte liest niemand, wenn ich dazu geschrieben hätte, dass es in echt ganz anders aussieht – das hätte niemanden interessiert oder man hätte es mir nicht geglaubt. Bilder machen so etwas viel deutlicher. Ich habe mich mit Bato zusammengesetzt und ihm gesagt: „Ich möchte zeigen wie es wirklich aussieht.“ Dann bin ich zum Shooting gegangen – das war einer der aufregendste Tag meines Lebens. Als ich die Bilder online gestellt habe, dachte ich, ich muss sterben.

Eine mutige Aktion in einer Welt, wo man sich nicht mal mehr traut Bilder hochzuladen, auf denen man unter dem Concealer einen Pickel hat.

Ich bin dieses Doppelleben so leid. Wir haben die Realität und dann das, was wir anderen über die sozialen Medien verkaufen sollen. Ich bin es leid, mich zu verstecken, mich zu verstellen und mir nur Klamotten in Übergröße zu kaufen. So hat es einmal jeder gesehen und jetzt kann jeder darüber sagen und denken was er möchte. Ich habe das gemacht, um den Mädels die Augen zu öffnen und zwei Stunden mutig zu sein. Ich bin selten mutig, aber da war ich es sehr und darauf bin ich stolz. Dem Fotografen Ben Wolf vertraue ich total. Ich hätte das Shooting mit niemand anderem gemacht.

Wie war das Shooting?

Ich hatte einen Holzschemel, auf dem ich im Schneidersitz saß. Irgendwann sollte ich die Augen zu machen und in mich gehen. Ben hat dann irgendwas rumgeraschelt und er meinte nur „Zum Glück hast du Sitzfleisch.“ Dabei ist eine ganz lustige Bildreihe entstanden.

Hat dir das Shooting geholfen, deinen Körper anzunehmen wie er damals war?

Er ist ja immer noch so wie damals. Ich glaube, der Moment, die Fotos anzuschauen, war ein Schlüsselmoment. Man muss Dinge annehmen, um sie loslassen zu können. Ich habe meinen Körper so angenommen, wie er eben ist.

Fühlst du dich wohl in deinem Körper?

Nein, das würde ich nicht sagen. Es ist nicht so, dass egal was ich anhabe, ich mich wunderschön finde. Mein Körper wird auch nicht mehr schön, aber das muss er auch nicht – denn er hat überlebt. Dafür bin ich ihm dankbar. Das hätte auch anders ausgehen können. Mein Körper soll Stoffwechseln, mich von A nach B bringen und mich versorgen und das macht er ziemlich gut. Er hat nicht den Anspruch schön zu sein.

Ich wurde einmal angerufen mit den Worten „Ich mache Sie zur glücklichsten Frau der Welt.“ Und ich dachte mir: Wow, es ist mein Glückstag! Und dann wollten sie mir ein so genanntes „mommy makeover“ anbieten. Ein operatives Komplettpaket, was Frauen nach der Geburt machen: Brüste, Beine, Bauch, Arsch. Einmal alles komplett und das wollten sie mir schenken. Sie hatte mir auch direkt die Termine genannt –sieben Termine in Folge! Natürlich unter der Bedingung, dass ich darüber berichte.

Ich habe daraufhin erst einmal Bato angerufen, weil ich gar nicht wusste, wie mir geschieht. Früher war so ein Anruf immer mein Traum. ber Bato hat mir dann deutlich gemacht: „Nicht dein Körper ist das Problem, sondern dein Kopf und den werden Sie dir nicht geraderücken. Bitte sag da ab“ – und das habe ich auch getan.

Um was geht es in deinem neuen Buch?

Ich habe schon viel erzählt, dass ich von den liebsten Menschen der Welt umgeben war. Bato, meine Mädels, meine Mama. ich bin gesegnet mit Menschen. Wenn man das alles hat, einen tollen Job hat – wenn man wirklich all das hat und trotzdem tief in sich unglücklich ist, dann stimmt etwas nicht und man muss etwas ändern. Deshalb habe ich sehr viele Sachen ausprobiert, um endlich glücklich zu werden. Manche waren totaler Schwachsinn, manche totale Selbst-Verasche, aber ein paar haben wirklich geholfen. Und deswegen ist es ein Buch über das „Glücklich werden“ geworden. Und über das Freundschaft schließen – und zwar nicht mit anderen, sondern mit sich selbst. Es ist ein Mutmach- und Mitmach-Buch mit Musik. Wir müssen unsere Stärken und unsere innere Hymne finden. Wenn wir das haben, dann kann uns keiner was.

Ist es ein Buch zum Ausfüllen?

Es ist ein Buch zum Ausfüllen. Es hat viele Geschichten von mir und von Bato. Aber viel, wo man selbst nachdenken muss und ausfüllen muss Es ist ein Buch ohne Altersbegrenzung – diese Gefühle kennen nämlich kein Alter. Die jüngere Generation hat es schwer mit Instagram und so weiter, aber auch die ältere Generation hat nicht gelernt, sich zu lieben. Auch erwachsene Frauen stehen vorm Spiegel und ziehen den Bauch ein. Das wird wiederum der jüngeren Generation vorgelebt. Glück kann man lernen: Wenn man Glück vorlebt, kann man das weitergeben.

 

Man sollte mit sich genauso umgehen wie man mit der besten Freundin umgehen würde.

Offen gesagt, kann ich mit dem Begriff Achtsamkeit nicht viel anfangen, der ist mir zu abgenutzt. Ich soll achtsam durchs Leben gehen und mit meinem inneren Kind spielen – ist klar. Das ist nicht meine Baustelle, aber hat sicherlich auch seine Berechtigung. Aber für mich geht es nicht darum, jeden Tag barfuß über die Wiese zu laufen und die Wiese zu spüren. Das mag für manche Menschen das richtige sein, aber für mich nicht. Und ich habe wirklich viel ausprobiert! Ich denke, aus meinem Buch kann man viel herausziehen und Denkanstöße mitnehmen – und nur darum geht es. Ideen liefern, wie man glücklicher werden kann. Ich bin schließlich kein Arzt und kann und will gar nicht erklären, warum manche Dinge funktionieren. Ich will nur, dass sie funktionieren.

Vielen Dank für das tolle Gespräch, liebe Jana!