Interview mit Dominique van de Pol

Interview mit Dominique van de Pol

Wie passen Mode und Achtsamkeit zusammen?

Was machst du beruflich genau?
Ich habe Mode- und Textildesign studiert. Nach dem Abschluss habe ich gemerkt, dass ich nicht als Designerin arbeiten will, sondern mich Mode an sich reizt. Was zwischen Mode und Mensch passiert. Ich habe meinen Master im Bereich Modetheorie, Trendforschung und Markenkommunikation gemacht. Anschließend habe ich im Marketing und der Kommunikation bei verschiedenen Marken gearbeitet und dort Nachhaltigkeits-Projekte betreut. Leider ist es bei großen Marken kaum möglich, da wirklich etwas zu verändern. Irgendwann habe ich beschlossen, mich selbständig zu machen. Unter anderem war ich als Dozentin an der Uni Heidelberg tätig.

Wie kam es zu deiner Begeisterung für Mode?
Ich liebe Mode schon seit ich ein kleines Kind war. Aber auf der anderen Seite bin ich sehr mitfühlend, sehr empathisch. Und der ökologische und humane Impact den Mode hat, trifft mich wahnsinnig. Gerade jetzt als Mama, meine Tochter ist jetzt 5, da verändert sich die Sicht auf viele Dinge. Da merkt man erst einmal, wie zerbrechlich die Welt ist und wie schlecht wir mit unserer Erde umgehen. Das ist der Spagat, dem ich mich nun schon seit vielen Jahren widme: Wie kann ich ohne schlechtes Gewissen Spaß an Mode haben?

Wie vertragen sich Nachhaltigkeit und Mode generell?
Ich habe gemerkt, dass das Thema Nachhaltigkeit überall präsent ist, aber leider noch nicht wirklich in den Köpfen angekommen ist – und schon gar nicht im Kleiderschrank. Ich habe mich gefragt, woran das liegt und wollte dem auf den Grund gehen. Das Schwierige daran, in Sachen Mode nachhaltiger zu werden, ist, dass eigentlich alles unterbewusst abläuft. Einkaufen ist ein unglaubliches intensives Erlebnis, an das wir uns durch die zum Teil sehr billigen Preise, gewöhnt haben. Den Kick will man immer wieder. Aber ich glaube auch nicht, dass der erhobene Zeigefinger die Lösung ist. Dadurch blendet man die Thematik einfach aus, weil man beim Shoppen kein schlechtes Gewissen haben will. Es ist gar nicht einfach, sich von seinen Mustern zu befreien. Der Schlüssel ist die Art und Weise wie man da ran geht. Für mich hat es mit Achtsamkeit funktioniert. Ich fand es sehr spannend, mich selbst zu beobachten, zu sehen, was mich zu einem Kauf antreibt.

Von heute auf morgen einen nachhaltigen Kleiderschrank? No Chance!

War es für dich eher ein Prozess, dass du immer nachhaltiger werden wolltest oder gab es einen Schlüsselmoment?
Mein Praxissemester habe ich in Indonesien in der Qualitätskontrolle absolviert. Dort bin ich in die Fabriken gefahren – das war ein Kulturschock für mich. Ich war unglaublich überfordert. Plötzlich ist überall nur Armut und man selbst wird mit dem Auto inklusive Klimaanlage abgeholt. Ich hatte nirgendwo Kontakt mit den Menschen, auf der einen Seite natürlich wegen der Sprache und auf der anderen Seite, weil keiner der Arbeiter eine Minute Zeit zum Reden gehabt hätte. Nach drei Monaten bin ich wieder nach Hause und habe gemerkt, dass ich noch immer keine Ahnung von den Leuten hinter der Mode habe. Ab da hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.

Ich finde Kleidung sehr spannend, weil es wenige Produkte gibt, die eine so lange Produktionskette haben. Bis ein Kleidungsstück fertig ist, arbeiten so viele Menschen auf dem ganzen Globus daran. Eigentlich könnte das ein schöner Aspekt sein, ist es nur leider aktuell nicht.

Konntest du danach dein Leben radikal ändern?
Nein, es war ein ganz langsamer Prozess über mehrere Jahre.  Vor zwei Jahren hatte ich gesundheitlich einen ziemlichen Crash. Mein Fokus war plötzlich meine Gesundheit. In dieser Zeit hatte ich viel Zeit, mich mit all dem zu befassen. Ich habe meine Ernährung komplett umgestellt, denn ich bin aufgrund von mehreren Unverträglichkeiten so krank geworden. Mental war das ein wichtiger Prozess für mich, weil ich gezwungen war, nichts zu machen. Dabei habe ich gelernt, mich liebevoller um mich und meinen Körper zu kümmern. Früher hatte ich ein Bild von mir, wie es wohl viele Frauen haben: Man fühlt sich zu dick, nicht schön genug, ich könnte noch besser sein. Dadurch dass mein Körper nicht funktioniert hat, ist mir bewusst geworden, dass ich meinen Körper brauche und mich um ihn kümmern muss. Meine Beziehung zu mir selbst hat sich total geändert.

Eine wichtige Erkenntnis, dass der Körper nicht der Feind ist.
Wenn man die ganze Zeit das Gefühl hat, man sei nicht gut genug, bestraft man sich. Weil man nur sauer auf den eigenen Körper ist.Diese Zeit war anstrengend und schwierig, aber im Nachhinein bin ich sehr dankbar. Ich musste ganz unten sein, um wach zu werden.

Dann habe ich mich gefragt, wie ich schlechte Gewohnheiten ändern kann, habe mich viel mit Persönlichkeitsentwicklung befasst. In meinem Buch habe ich alles zum Thema Nachhaltigkeit zusammengetragen – aber ich wollte kein Buch über Öko-Siegel machen. Sondern ein Buntes, Visuelles.

Nachhaltig zu leben ist kein Wettbewerb!

Oft ist ja das Problem beim Thema Nachhaltigkeit, dass es wie ein unüberwindbarer Berg wirkt. Man kann ja immer noch mehr machen.
Genau! Obwohl ich mich schon seit Jahren mit dem Thema befasse, bin ich noch lange nicht am Ende angelangt. Natürlich kann man immer noch mehr machen. Es gibt unendlich viele Bereiche rund um das Thema Nachhaltigkeit. Man muss überall für sich ein gesundes Maß finden. Lieber macht man auf seinem Weg ein paar Baby-Steps, als dass sich das ganze direkt zu einer Belastung entwickelt. Der Spaß am Leben soll nicht verloren gehen.

Klar, die Veganerin wird kritisiert, weil sie sich nicht für Kinderrechte einsetzt. Die Nächste wird kritisiert, obwohl sie auf ihrem Konsum achtet, aber Fleisch isst, usw.
Das schlimmste finde ich, wenn sich Menschen gegenseitig deshalb angreifen. Da kann wirklich jeder erst einmal vor seiner Haustür kehren, denn perfekt ist niemand. Aber wenn jeder in seinem Alltag anfängt, dann kann das einen großen Effekt haben. Mittlerweile bin ich aber auch der Überzeugung, dass es nicht reicht, nachhaltig zu konsumieren. Es geht nicht ohne die Politik, die die Wirtschaft in die Schranken weist. Aber um gesellschaftlichen Druck zu erzeugen, muss jeder erst einmal bei sich anfangen. Dann merkt man auch, dass Nachhaltigkeit nichts mit Verzicht zu tun hat, sondern eine spannende Reise und eine Bereicherung sein kann. Für mich war es eine Reise zu einem reicheren Leben. Ich konsumiere deutlich weniger und bewusster, aber ich habe mich noch nie so reich gefühlt, gerade was Kleidung betrifft.

Was fiel dir am schwersten daran, an diesem Prozess des Umdenkens?
Ich habe das Gefühl, dass man dabei in zwei verschiedenen Zuständen ist. Wenn ich in einen Laden gehe – sogar in einen, der vor allem nachhaltige Marken hat, aber eben auch noch ein paar andere – dann verliebe ich mich in ein Kleidungsstück und merke, dass es nicht von einem grünen Label ist. Dann komme auch ich in die Bredouille. Die eine Seite ist dann der Verstand und das andere der Bauch, die Begeisterung. Das sind zwei komplett verschiedene Bereiche, die miteinander konkurrieren. Ich habe lange versucht, nichts Neues zu kaufen. Problematisch wird es nur, wenn ich etwas sehr Spezielles suche – was ja eigentlich etwas Gutes ist – aber es das nun eben nicht gibt von den „richtigen“ Labels. Ich versuche immer erst einmal die Sachen gebraucht zu finden. Aber das ist oft Glückssache. Manchmal ist es schon ein Heckmeck und das ist das, was Nachhaltigkeit mit sich bringt, dass es ein bisschen umständlich ist.

"Shoppen ist wie ein Orgasmus"

Da fällt es manchmal sicherlich schwer, stark zu bleiben.
Ich habe natürlich noch eine andere Motivation in diesem Bereich konsequent zu sein, weil es mein Beruf ist. Das ist nicht für jeden alltagstauglich. Aber wenn wir alle anfangen, ein bisschen bewusster einzukaufen und sich jeder bewusst macht, was seine Ansprüche an Kleidungsstücke sind, ist auch schon einmal viel getan. Ich habe gemerkt, dass ich im Laden ganz andere Kriterien an Kleidung habe, als im Kleiderschrank. Im Alltag will ich weiche Stoffe, ein Schnitt, der mich nicht einengt und fließend ist. Im Laden entscheide ich dagegen häufig mit dem Auge, nehme gerne mal Sachen, die zu klein oder zu eng sind, weil es sexy aussieht. Aber im Endeffekt trage ich diese Teile nicht. Sich das einmal bewusst zu machen und dadurch dann weniger Fehlkäufe zu tätigen, ist ja auch schon nachhaltig.

Was würdest du Menschen raten, die nachhaltiger werden wollen?
Erst einmal würde ich natürlich mein Buch empfehlen. Dort führe ich Schritt für Schritt an das Thema heran. An erster Stelle steht aber immer das „Bewusst machen“. Es macht total Spaß, sich selbst besser kennenzulernen und sich selbst zu hacken, neu zu programmieren.

Viele Menschen kaufen um sich zu belohnen, oder sich besser zu fühlen. Es gibt sogar Studien darüber, dass Menschen mit einer akuten Depression, deutlich mehr dazu neigen, Impulskäufe zu machen. Nach einer Behandlung geht das aber direkt wieder zurück. Einkaufen ist genauso intensiv wie ein Orgasmus oder Extasy, es werden ganz ähnliche Prozesse im Gehirn ausgelöst. Es ist ein echtes Feuerwerk im Kopf – es ist also völlig normal, dass man das geil findet. Wenn man es genau nimmt, ist man im Laden nicht zurechnungsfähig.

Tipps von der Expertin

Was rätst du also?
Darum hilft es schon, bevor man in einen Laden geht, diesen genau auszuwählen. Statt in einen Fast-Fashion-Laden zu gehen, geht man dann eben in einen Second-Hand-Laden. Ich liebe auch Tauschpartys. Das mache ich regelmäßig, dadurch ist meine Lust auf neue Sache meistens gestillt. Und das ohne Geld auszugeben und nachhaltig ist es auch noch, da die Teile ohnehin schon in der Welt ist. Dort kann man, finde ich, auch mal mutiger sein, Dinge ausprobieren, die man sich sonst vielleicht nicht so trauen würde. Denn da ist es ohnehin schon und wenn man es dann doch nicht trägt, nimmt man es eben wieder zur nächsten Tauschparty mit.

Außerdem rate ich auch immer, sich genau bewusst zu machen, was für ein Teil man möchte und wenn man es gefunden hat, noch eine Nacht darüber zu schlafen. Im Laden denkt man oft, man kann ohne das neue Teil nicht leben. Sobald man aber eine Nacht drüber geschlafen hat, hat man es oft sogar vergessen. Und wenn man immer noch daran denkt, dass ist es ein gutes Zeichen, dass man lange Spaß an dem Kleidungsstück hat.

Der Online-Handel boomt übrigens so, weil es unsere Vorfreude schürt. Etwas zu bestellen, sich ein paar Tage darauf zu freuen –  da schütten wir Dopamin aus. Sobald das Paket da ist, nimmt das sofort ab. Ich will natürlich niemanden vorschreiben, wie er sein Geld ausgibt. Aber an dieser Stelle hilft es auch, sich klar zu machen, was man eigentlich vom Leben möchte. Das Geld was wir für Impulsivkäufe rausballern, für Dinge die wir nicht brauchen, die uns am Ende sogar noch stressen, weil unsere Wohnung überquillt, das könnte man auch deutlich bewusster für Dinge ausgeben, die einen wirklich glücklich machen. Etwa einen Urlaub, eine Weiterbildung, oder einen Sportkurs – was auch immer. Oft kommen wir gar nicht dazu uns solche Sachen zu gönnen, weil wir im Vorfeld schon so viel Geld ausgeben.

Was darf in deinem Kleiderschrank auf gar keinen Fall fehlen?
Eine bequeme Jeans. Ich liebe außerdem Long Sleeves, die ein bisschen fließender sind. Wichtig ist für mich auch ein toller Mantel und eine schickere Hose. Ich habe so viel Unterschiedliches im Kleiderschrank, kann damit sicherlich fünf Stile bedienen. Ich finde es toll, Outfits zu kombinieren, zu mixen.

Hast du manchmal auch noch „Ausrutscher“?
Inzwischen habe ich im Kopf eine richtige Checkliste, was ein Kleidungsstück für mich alles erfüllen muss, wenn ich es neu kaufe. Aber klar, manchmal erliege ich aber auch dem Kaufrausch und das ist auch okay. Es gibt eben kein Schwarz und kein Weiß, es ist ein super individueller Weg und manchmal denkt man sich eben nur „hach, ist das alles geil“.  

Hast du ein oder zwei grüne Labels, die du magst?
Im Buch stelle ich verschiedene Plattformen vor, auf denen man nachhaltig shoppen kann. Aber cool ist zum Beispiel auch FAIRNICA, die verschicken Capsule Wardrobes die ncahhaltig sein. Dann mietet man sich für 1 bis 3 Monate eine Box. Da kriegt man dann dreißig Outfitvorschläge mit gesendet. Für die habe ich die Box „Emilia“ designt. Da habe ich die verschiedenen Produkte von grünen Labels ausgesucht – ich finde da ist eine tolle Möglichkeit, sich auszuprobieren und sich an grüne Labels ranzutasten.

Ansonsten fällt mir Armed Angels ein. Ich finde sie haben tolle Sachen, die bezahlbar sind und nicht nach Öko-Mode aussehen. Haben dennoch eine tolle Qualität und sind mit dem strengsten Label, das es gibt, zertifiziert.

Bridge and Tunnel ist auch ein sehr cooles Label aus Hamburg. Sie haben eine Werkstatt für Menschen mit Fluchthintergrund gegründet. Die arbeiten dort alle zusammen in einem Atelier, die recyceln Jeans zu richtig coolen Sachen. Die sind so cool und es sieht auch nicht so nach Handarbeit aus.