Interview mit Ninia LaGrande

Interview mit Ninia LaGrande

Wenn mir ein Wort zu Ninia (hier geht's zu ihrem Instagram-Kanal "Ninia LaGrande) einfällt, dann ist es: beeindruckend! Nicht (nur) wegen ihrer Größe, ihrem Einsatz und der Tatsache, dass sie schon mehrere Bücher veröffentlich hat. Sondern auch ihr Humor ("Warum muss man mir den Kopf tätscheln? Woher kommt dieses Bedürfnis?")  hat mich  begeistert. Hier lest ihr das  Interview mit der kleinwüchsige Bloggerin / Moderatorin / Autorin / Poetry-Slammerin über ihr neues Buch "Von mir hat er das nicht!" und über die Herausforderungen der Liebe, der Mode und des Alltags. Viel Spaß!

"Von mir hat er das nicht!"

Wie kam dir die Idee zu deinem Buch?
Mein erstes Buch ist vor fünf Jahren entstanden. Ich hatte tatsächlich immer über ein zweites Buch nachgedacht, weil sich viele Texte angesammelt hatten. Das erste Buch hatte nicht wirklich einen roten Faden, beim zweiten ist es anders. Dadurch, dass ich Mutter geworden bin, geht es viel darum. Das Buch ist bei einem ganz kleinen Verlag – quasi einem Ein-Mann-Unternehmen – erschienen.

Im Buch spielt natürlich auch dein Mann eine große Rolle. Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?
Wir haben uns im Studium in Göttingen kennengelernt. Ich habe dort eine Impro-Theatergruppe geleitet. Er war sozusagen in der Nachwuchs-Gruppe und ist später zu uns in die Gruppe gekommen.

Ist der Funke direkt übergesprungen?
Ich habe mir den Auftritt von der Nachwuchsgruppe angeschaut, weil ich dort geschaut habe, wen ich auch gerne in meiner Gruppe haben wollen würde. Da habe ich ihn auf der Bühne gesehen und fand ihn direkt toll. Von seiner Seite war das wohl auch so. Aber es hat trotzdem noch ein halbes Jahr gedauert, bis wir das auf die Reihe bekommen haben.

Also habt ihr euch erstmal gedatet?
Wir haben uns dann immer beim Theater gesehen, aber nicht gedatet. Wir waren nur heimlich ineinander verschossen. Ich traue mich bei so was auch total wenig. Er hat mir einmal gesagt, er hätte gedacht, dass so eine tolle Frau bestimmt nichts von ihm will. Aber in den sechs Monaten hat man dann langsam schon gemerkt, dass da vielleicht etwas ist. Dann haben wir uns einen Abend mit Freunden getroffen und haben  betrunken  miteinander rumgeknutscht. Heute sind wir 12 Jahre zusammen.

"An der Uni laufen so viele Freaks rum, da war ich nicht mehr besonders"

Hattest du vorher Schwierigkeiten damit, jemanden kennenzulernen? Hattest du den Gedanken „Wird mich jemand akzeptieren, wie ich bin“?
In der Pubertät war das so. Ich war grundsätzlich eine totale Spätzünderin, auch in der körperlichen Entwicklung. Um mich herum haben alle schon erzählt, was sie schon alles ausprobiert haben und wer mit wem zusammen ist – da war ich total hinterher. Ich habe immer gedacht, dass mich wahrscheinlich keiner will. Nicht weil ich mich doof fand, sondern weil ich dachte, die Jungs trauen sich das nicht oder haben Angst, es würde so aussehen, als würden sie ihre kleine Schwester zum Kindergarten bringen. Ich muss aber sagen, dass mich das Studium, der Umzug in eine andere Stadt, sehr nach vorne gebracht hat. Da hatte ich keine Probleme mehr, weil ich aus dem gewohnten Umfeld raus war und an der Uni sowieso so viel Freaks rumlaufen, dass ich dann auch nicht mehr super besonders war. Ich hatte die Chance neuanzufangen, mich neu zu erfinden. Ich hatte in der Schule zwar nie das Problem, dass ich geärgert wurde oder so – ganz im Gegenteil – aber ich war immer die Niedliche. Ich war nicht die, die man abschleppen will, sondern die Süße, mit der man Pferde stehlen kann.

"Natürlich habe ich damit gehadert, kleinwüchsig zu sein!"

Hast du jemals damit gehadert, kleinwüchsig zu sein?
Natürlich! Gerade in der Pubertät, da hat man ja – egal ob groß oder klein – immer Probleme dem Körper. Aber natürlich war das ab und zu ein Problem für mich. Meine Eltern haben mir aber sehr viel Selbstbewusstsein mitgegeben. Bei den Kleinwüchsigen gehöre ich noch zu den Größeren. Ich bin 1,38 m. In Deutschland gelten alle unter 1,50m offiziell als kleinwüchsig – mit oder ohne Diagnose. Natürlich war ich immer kleiner und natürlich hat mich das mal genervt. Gerade wenn ich Sachen nicht mitmachen konnte, die andere gemacht haben. Ich habe auch nie eine Mannschaftssportart gemacht, weil ich im Vergleich zu den anderen in meinem Alter, gar nicht dasselbe hätte leisten können. Ich habe dann immer Sport für mich alleine gemacht, etwa Ballett. Als ich schwanger war, habe ich mir natürlich auch Gedanken gemacht: Wie lange kann ich das Kind tragen und so weiter. Aber es waren nie Sachen, die mich völlig zerstört hätten und inzwischen bin ich sehr mit mir im Reinen.

Wirklich bewundernswert, wie selbstbewusst du damit umgehst!
Ich glaube, mein Selbstbewusstsein ist mit der Zeit gewachsen. Das kommt durch Erfahrungen und bei mir auch viel durch die Möglichkeit, mich auf der Bühne darzustellen. Ich bin eben eine Rampensau. Und dabei habe ich gemerkt: Das funktioniert. Die Leute finden mich nicht nur witzig, weil ich klein bin, sondern weil ich was kann. Das war eine sehr wichtige Erfahrung für mich.

Kriegst du auch heute noch dumme Kommentare?
Allerdings. Aber nicht mehr so viel wie als Jugendliche oder jüngere Frau. Was ganz auffällig ist, sind die Blicke. Das kann auch verletzend sein. Oder Verhaltensweisen, dass ich ignoriert werde. Oder, worauf ich ganz besonders empfindlich reagiere: Wenn Leute mich umrennen, oder sagen „Huch, ich habe dich gar nicht gesehen.“ Das triggert richtig was in mir, weil mir das schon so oft passiert ist. Oder eine Situation: Ich habe am Bahnhof auf eine Freundin gewartet und mir kam ein Pärchen entgegen, die haben Händchen gehalten. Und die haben dann einfach ihre Hände über mich drüber gehoben, wie über einen Poller und fanden das witzig. Ich denke nicht, dass es ihre Intention war, mich zu ärgern, sondern eine Kurzschlussreaktion – aber ich fand das total respektlos. Oder bei größeren Veranstaltungen, zum Beispiel auf Festivals, tätscheln mir Leute, vor allem Männer, ganz oft den Kopf. Das erleben Rollstuhlfahrer auch oft. Das finde ich wirklich respektlos. Aber wirklich krasse Sprüche gibt es eigentlich nur noch online.
Und natürlich Kommentare, die versteckt diskriminierend sind: Wie geht das mit dem Kind, wie war für dich die Geburt. All so was. Aber Blicke und kuriose, absurde Verhaltensweisen und Übergriffigkeiten gibt es immer noch.

 

Von dummen und coolen Reaktionen

Dich einfach anzufassen, ist doch wahnsinnig merkwürdig. Ich fasse doch keine fremden Leute an!
Ich weiß auch nicht, warum man mir den Kopf tätscheln muss. Eine gute Methode, um darauf zu reagieren ist, dass ich einfach völlig wertfrei frage: „Warum hast du das gerade gemacht?“ Die meisten merken dann ziemlich schnell, dass das einfach ein bisschen dumm war. Ich meine, ich tätschle doch auch niemandem den Bauch.

Versuchst du dem Ganzen sonst mit Humor zu begegnen?
Das ist für mich, gerade auch beim Schreiben, die beste Waffe. Ich glaube, das ist einer der besten Wege, um Leuten etwas beizubringen. Wenn es um Feminismus geht, bin ich auch gerne mal die mit dem erhobenen Zeigefinger. Aber sonst glaube ich, dass Humor wirklich einer der besten Wege ist, um Leute auch auf Missstände aufmerksam zu machen. Für mich ist es auch die beste Verarbeitungsform, wenn ich etwas erlebt habe, es lustig aufzuschreiben. Dann von anderen das Feedback zu bekommen, dass ich das nicht falsch verstanden habe, sondern es wirklich einfach verrückt war, das hilft.

Im Umkehrschluss: Gibt es auch coole Reaktionen?
Grundsätzlich sind das meistens Kinder. Natürlich fragen die, und das auch sehr direkt – aber da kann ich es nachvollziehen. Sie müssen die Welt ja kennenlernen. Da war ein Mädchen,  vielleicht 9 oder 10, die hat gefragt: „Warum bist du so klein?“ Meine übliche Erklärung ist dann immer: „Das weiß man nicht so genau, ich wurde untersucht, man hat nichts festgestellt. Manche Leute sind eben klein, manche sind groß.“ Meistens reicht das schon. Dann hat sie mich so angeguckt und meinte: „Und, bist du glücklich damit?“ Da dachte ich mir, wow, sie hat schon mehr verstanden als so mancher Erwachsener. Ich habe ihr geantwortet: „Ja, inzwischen schon.“ Und sie meinte nur „Dann ist ja gut.“ Und ist weitergegangen.

In Sachen Inklusion hat Deutschland noch viel zu tun

Lieber fragen sie einmal und man kann es erklären, als dass sie groß werden und später denken, ich darf so was nicht fragen, ich darf „solche“ Menschen nicht anschauen. Genau. Dem könnte man aber auch entgegenwirken. Warum denken viele so etwas denn? Weil wir im Alltag kaum Berührungspunkte haben. Dann sind wir beim großen politischen Thema Inklusion. Wenn man da etwas verändern würde und Kinder von klein auf mit verschiedenen Menschen aufwachsen würden, dann ist es auch später im Leben nichts Krasses mehr, einem Menschen mit Behinderung zu begegnen.

Würdest du sagen, dass Deutschland im Thema Inklusion hinten dranhängt, man mehr machen müsste?
Auf jeden Fall! Letztes Jahr hat sich die UN-Behindertenrechtskonvention zum zehnten Mal gejährt, zu der sich Deutschland verpflichtet hat. Natürlich sind Ländervergleiche sehr müßig, weil die Voraussetzungen oft so unterschiedlich sind. Aber zum Beispiel die USA hat schon seit den 80er Jahren ein großes Gesetz für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Groß Britannien genauso. Gerade was öffentliche und private Einrichtungen sind die schon sehr viel weiter.

Ich glaube, dass unser Schulsystem grundsätzlich nicht gut ist. In diesem System, in dem es eigentlich nur um Leistung und Wettbewerb geht, packen wir dann einfach einen Inklusions-Stempel drauf. Das kann nicht funktionieren. Mein Mann ist Lehrer und da kann ich natürlich auch nachvollziehen, dass auch die Lehrer überfordert sind, wenn sie in einer Klasse mit 30 Kindern auch noch das mit der Inklusion machen sollen, ohne dass mehr Personal oder mehr Geld da ist. Es ist einfach der falsche Weg.

Doch Menschen mit Behinderung, von denen, ohne Behinderung zu trennen, ist ja wahrscheinlich genau der falsche Weg.
Diese Trennung ist im Erwachsenenalltag da, sie fällt uns nur nicht so auf. Aber Werkstätten, wo Menschen mit Behinderung arbeiten oder Einrichtungen, wo sie leben, die sind ganz oft am Stadtrand. Sie haben ihre eigene Blase und finden so in unserem Alltag fast gar nicht statt.

Mode und Kleinwüchsig-sein – wie funktioniert das?

Wie würdest du deinen Stil denn beschreiben?
Das erste Wort, was mir immer einfällt, ist experimentell – wobei das immer abgefahrener klingt, als ich im Endeffekt aussehe. Es ist schon sehr sportlich, Richtung Streetwear und das dann außergewöhnlich kombiniert. Ich probiere gerne aus. Meine Mama hat mich dazu auch immer ermutigt. Ich habe in meiner Teenie-Zeit alles ausprobiert, was in war. Wenn es Hippie war, habe ich mir eine Blume auf die Stirn gemalt, mir einen Hippierock bei H&M gekauft und bin so in die Schule gegangen. Als Eminem in war, habe ich eine Baggy-Hose getragen. Dann hatte ich eine Gothic-Phase. Oder als Madonna in Cowboy-Klamotten rumlief, habe ich eben einen Cowboy-Hut getragen. Ich habe das alles gerne an mir ausprobiert, mir war dabei auch egal, ob es total aus dem Rahmen fällt. Denn anders war ich ja eh schon, darum fiel es mir leichter, das alles auszuprobieren. Dadurch hat sich bei mir ein Mut für Mode und ein großes Interesse entwickelt. Ich finde, Mode wird viel zu oft als seichtes Thema abgetan. Mode kann so viel tun, wenn es um Selbstbewusstsein geht. Gerade bei Leuten, die anders aussehen. Mir macht das sehr viel Spaß.
Aber Interesse für Mode heißt für mich viel mehr. Da geht es für mich auch darum, alte Klamotten neu zu kombinieren, dass sie wieder stylish sind. Ich gehe auch gerne mal Second-Hand shoppen. Ich gucke, was passt zusammen, wie kann ich ausdrücken, wer ich bin.

Was ist die bei Klamotten generell wichtig?
Meine Freundin hat letztens gesagt, sie zieht nichts mehr an, was unbequem ist. Da musste ich sehr lachen: Denn das war für mich ein Schritt Richtung Erwachsenwerden – zum Beispiel eine Jacke anzuziehen, die wirklich warmhält. Ich kaufe mir auch keine Hosen mehr, von denen ich im Laden schon weiß, dass sie mir eigentlich zu eng sind.

Was mir inzwischen wichtig ist, ist zu schauen, wie sind die Produktionsbedingungen gewesen. Aber ich gehe auch zu H&M, weil ich auch mit meiner Größe eben schauen muss, was möglich ist. Aber ich versuche, auch Second Hand zu shoppen, oder Dinge mit anderen zu tauschen. Wenn ich merke, mir gefällt etwas nicht mehr, gebe ich das inzwischen vielleicht eher an Freundinnen weiter. Nachhaltiger zu denken, ist mir inzwischen wichtig. Und mir ist es wichtig, dass ich meine Vorzüge hervorhebe, ich mich gut darin fühle.

"Das tut nichts für mich? Egal! Ich muss mich wohlfühlen!"

Oh, und ich hasse es auch, wenn Leute sagen: „Das tut aber nichts für deine Figur oder die Rocklänge, lässt deine Beine noch kürzer wirken.“ Das ist so unnötig. Denn solange ich mich wohlfühle, ist doch alles okay. Wenn ich mit meinem kurzen Stummelbeinchen einen Maxirock tragen will, dann mache ich das auch – ich bin doch eh schon klein, da macht es doch auch nichts, wenn ich vielleicht noch ein bisschen kleiner wirke. Von diesen vermeidlichen Regeln, sich so anziehen zu müssen, damit man in ein gewisses Schönheitsideal passt – groß, schlank – das finde ich total bescheuert. 

Wie ist es bei dir mit dem Shoppen: Hast du einen Schneider, der Sachen für dich umändert?
Es kommt darauf an. Oberteile kann ich ganz normal kaufen. Kleider oder Hosen müssen oft angepasst werden. Da habe ich einen Änderungsschneider, zu dem ich immer gehe und der mich inzwischen auch schon kennt. Mein größtes Hassthema ist Schuhe. Ich trage super gerne Sneaker und inzwischen ist das mit meiner Schuhgröße auch echt okay, weil es die guten Modelle auch oft in Kindergröße gibt. Aber damals schicke Abischuhe zu kaufen – das war ein Graus. Wenn ich eine schicke Veranstaltung moderieren muss, habe ich inzwischen einfach schwarze Lack-Doc-Martens. Das sind meine Allrounder. Aber das war schon immer eine Schwierigkeit für mich, obwohl es auch Untergrößen gibt. Da ist allerdings die Auswahl nicht wahnsinnig groß und sie sind wahnsinnig teuer. Was für mich auch gar nicht geht, sind Blusen. Denn die, die mir größentechnisch passen sollen, die kriege ich gar nicht zu. Kleine Leute sind bei gängigen Größen scheinbar auch immer gleich zierlich. Das bin ich aber nicht. Ich bin zwar klein, aber nicht zierlich. Ich habe Arsch und Brüste und ein bisschen Bauch. Sobald ich eine Bluse bequem zukriege, ist alles andere zu weit und zu lang. Aber damit kann ich leben.