Interview mit Olivia Marei

Interview mit Olivia Marei

Seit zwei Jahren spielt Schauspielerin Olivia Marei in der Erfolgs-Serie „Gute Zeiten schlechte  Zeiten“ (GZSZ) die Polizistin Toni Ahrens. Auf Instagram folgen dem TV-Star bereits 100.000 Menschen. Wir haben mit Olivia über Bodypositivity und Hater-Kommentare gesprochen – und sie hat uns verraten, wie sie gelernt hat, sich selbst zu lieben. Viel Spaß damit!

Was bedeutet für dich Bodypositivity?

Bodypositivity ist für mich eine Bewegung, die versucht weg von einem einheitlichen Schönheitsideal zu kommen. Sie verbindet selbstbewusste Frauen und Männer mit verschiedenen Körpertypen und Kleidergrößen. Bodypositivity soll uns daran erinnern, dass wir stolz auf das sein können, was unser Körper täglich leistet und dass unsere Eigenheiten, wie Schwangerschaftsstreifen oder Narben nur unsere Individualität unterstützen.

Warum ist das für dich ein Thema?

Ich war, wie wahrscheinlich jede Frau zu einem Zeitpunkt, auch mal davon besessen, schlanker und „schöner“ sein zu wollen. Ich hatte mir Ziele gesetzt, wie ich aussehen möchte und habe krampfhaft versucht darauf hin zu trainieren. Erst als ich 2017 ein Kind bekommen habe, fiel mir auf, dass ich dadurch viel weniger im Moment gelebt und deswegen viel verpasst hatte. Jetzt als Mutter fehlt mir erstens die Zeit ein Schönheitsideal zu verfolgen und zweitens – und viel wichtiger – weiß ich, dass es egal ist, welche Kleidergröße wir tragen, solange wir gesund und glücklich sind. Mein Kind hat mir sehr viel Selbstvertrauen geschenkt!

Du bist eine Frau mit einer ganz normalen Figur, hast uns aber erzählt, du bist auch vielen Anfeindungen ausgesetzt. Was sagen die Leute?

 

Als Schauspielerin muss man darauf vorbereitet sein, dass man viel Kritik einstecken muss. Was mich aber anfangs schockiert hatte, waren die vielen persönlichen Anfeindungen, was mein Aussehen angeht: „Zähne wie Mercury“, „Fiona von Shrek“, „total unsexy“, „sieht aus als hätte sie von Klitschko ne doppelte Rechte aufs Fressbrett gekriegt“. Auch die vermeintlich positiven Kommentare hinterließen einen bitteren Beigeschmack. Schließlich will man nicht, nur weil man sich für Schauspiel entschieden hat und dadurch einen gewissen öffentlichen Status hat, wie ein Stück Fleisch behandelt werden, dessen „Sexfaktor“ quasi nach Notensystem bewertet wird.

Was macht das mit dir? Verletzt dich das?

 

Ich habe jetzt genug Abstand zu solchen Kommentaren, aber Cybermobbing generell kann Leben zerstören. Hätte ich solche anonymen Kommentare als Teenie in der Schule bekommen, hätte ich sicherlich heute nicht das gleiche Selbstbewusstsein. Menschen sind so viel extremer und gehässiger, wenn sie sich hinter Pseudonymen im Netz verstecken können. Mobbing und Hetze im Internet sind allgegenwärtig. Wir leben in einer gefährlichen Zeit!

Warum denkst du, haben Menschen immer das Gefühl, andere Menschen in der Öffentlichkeit ohne weiteres beleidigen zu können?

„Soll sie halt ihre Fresse nicht so öffentlich zeigen“ – wäre wohl eine typische Antwort eines anonymen Facebook-Users. Wahrscheinlich hat man zu Menschen in der Öffentlichkeit keinen Bezug. Man kennt sie nicht persönlich, sie existieren quasi nur in Tabloids, im Fernsehen oder auf Instagram. Dadurch sind sie weniger greifbar und können leichter objektifiziert werden. Außerdem geht man davon aus, dass Menschen des öffentlichen Lebens sich wohl aktiv dafür entschieden haben, in der Öffentlichkeit zu stehen und deswegen es auch „verdient“ haben, kritisiert zu werden. Sicherlich gibt es darüber Studien – ich hingegen kann nur spekulieren.

Denkst du, die Menschen erwarten von Schauspielerinnen eine 90 60 90-Figur?

Menschen erwarten nicht unbedingt eine 90-60-90 Figur, aber auf jeden Fall gewisse Stereotypen, damit es ihnen einfacher fällt die Rollen zu zuordnen. Natürlich soll die Protagonistin, die romantische Hauptfigur „schön“ sein. Die beste Freundin hingegen soll das andere Spektrum abdecken: sie darf Größe 40 statt 36 tragen, eventuell sogar kurze Haare – aber natürlich trotzdem angenehm zum Ansehen. Man will sich schließlich in „eine andere Welt entführen lassen“. Der Bösewicht ist, sofern er ein Mann ist, natürlich sehr charismatisch, kantig. Ist die Antagonistin eine Frau, dann ist sie allerdings auch wieder natürlich sehr schön, a la „Maleficent“ ... All solche Stereotypen begegnen uns immer wieder in Film und Fernsehen. Schade eigentlich, denn so steht unsere Rolle im echten Leben ja auch quasi schon in Stein gemeißelt fest – und wollen wir aber nicht alle auch mal die romantische Hauptfigur sein?

Wie gehst du selber mit deinem Körper um? Liebst du dich wie du bist?

Ich liebe mittlerweile meinen Körper. Er hat mich nun schon fast 30 Jahre begleitet, hat mir ein gesundes, wunderschönes Kind geschenkt und ich bin gesund! Ich bin kein besonders freizügiger Mensch, einfach weil ich meine Privatsphäre auch schätze – dazu gehört auch mein Körper. Nichts destotrotz habe ich keine Probleme mich in Szenen, sofern es dramaturgisch notwendig ist, auch leicht bekleideter zu zeigen, denn ich fühle mich schön.

Hast du schon Diäten gemacht? Wenn ja, warum?

Als ich ungefähr 20 war, hab ich kurze Zeit die Paleo Diät (Steinzeit Diät) ausprobiert. Nach ein paar Tagen habe ich gemerkt, dass das einfach nichts für mich ist. Ich beschäftige mich dann einen Großteil des Tages damit, was ich nun essen oder nicht essen darf, dass ich vergesse das Leben zu genießen. Jetzt achte ich einfach darauf, mich ausgewogen zu ernähren und Sport zu machen. Das funktioniert sowieso am Besten!

Wie groß ist der Druck, als "GZSZ"-Schauspielerin gut auszusehen?

Es gibt keinerlei Druck – im Gegenteil: Die GZSZ Produktion gibt mir jeden Tag das Gefühl genau richtig zu sein, so wie ich bin. Ich finde, GZSZ ist echt ein Vorreiter. Ich durfte in meiner Zeit bei GZSZ bereits die romantische Hauptfigur, die burschikose Rebellin, die sportliche Kriminalkommissarin sein und all das ohne dass mein Körpertyp dabei überhaupt thematisiert wurde. Meine Rolle kann trotz ihrer Unvollkommenheit (oder gerade

deswegen?) eine ganz normale Frau sein und zwar OHNE sich rechtfertigen zu müssen. Danke dafür, GZSZ! Für mehr Vielfalt im deutschen Fernsehen!

Wie hast du zu mehr Selbstliebe und Selbstakzeptanz gefunden?

Beim Schauspiel gibt es die goldene Regel: macht Fehler! Denn daraus lernen wir, kommen unter die vermeintlich perfekt glatte Oberfläche und eventuell entsteht sogar aus dem Fehler etwas Einzigartiges. Unebenheiten und Eigenheiten machen uns interessant. Wenn wir lernen diese zu akzeptieren und sogar wertzuschätzen, sind wir im Reinen mit uns. 
Ich habe besonders durch die Geburt meines Kindes meinen Körper richtig zu schätzen gelernt und kann jetzt mit Stolz behaupten eine Frau mit Schwangerschaftsstreifen, Cellulite, blauen Äderchen und voller Liebe zu sein.

Liebe Olivia, vielen Dank für das tolle Interview!