Interview mit Sascha Klemz, Mitgründer des Labels „Zündstoff“

Interview mit Sascha Klemz, Mitgründer des Labels „Zündstoff“

Vor 14 Jahren gründete Sascha Klemz mit seinem ehemaligen Mitbewohner Matthias das Label „Zündstoff“. Seitdem hat sich das Unternehmen von einem „Mini-Garagenbetrieb“ zu einem 100qm-Laden in Freiburg (und Online-Shop!) entwickelt.Wir haben mit Sascha über Nachhaltigkeit in der Mode und die deutsche Modeindustrie gesprochen. Außerdem verrät er euch, wie ihr nachhaltige Kleidung am besten erkennen könnt – viel Spaß dabei!

PS: Das coole Label findet ihr auch auf Instagram: @zuendstoff_clothing

 Was war eure Intention, als ihr „Zündstoff“ gegründet habt?

Ich hatte mich 2004 im Rahmen meiner Magisterarbeit intensiv mit den Arbeitsbedingungen in der Kleidungsproduktion beschäftigt und auch an einer Wanderausstellung für Jugendliche zu diesem Thema mitgearbeitet. Das war damals kurz vor der Fußball-WM in Deutschland und wir hätten den Jugendlichen gerne 'coole' faire Sportswear als Alternative gezeigt. Aber auch da haben wir nichts gefunden, was nicht ziemlich stark dem Klischee von 'Öko-Mode' entsprach.

Dadurch wurde mir klar, warum Biolebensmittel und z.B. Fair-Trade-Kaffee für mich damals ganz normal waren, ich Kleidung jedoch noch nie 'Bio' oder 'Fair' gekauft hatte. Das Angebot an Alternativen im Modebereich war damals einfach nicht zeitgemäß für Leute, die mit Sneakern und Street- oder Skatewear aufgewachsen waren. 
Irgendwie haben Matthias, der damals schon ein guter Freund und Mitbewohner war, und ich, gedacht, dass wir die Sache einfach selbst anpacken müssen. 

Worauf achtet ihr bei der Herstellung/Produktionen eurer Artikel?

Wir produzieren gar keine Sachen selbst, sondern kaufen sie bei Marken ein, die ausschließlich 'Eco-Fashion' in ihren Kollektionen haben. Dadurch, dass die Marken selbst ihren Fokus extrem stark auf das Thema Nachhaltigkeit legen und sich selbst hohe Ziele setzen, haben wir eine hohe Transparenz bei den Umwelt- und Arbeitsstandards. Grob gesagt, achten wir darauf, dass grundlegende Arbeitsrechte eingehalten werden (z.B. Mindestlöhne, keine Kinderarbeit, keine unbezahlten Überstunden oder überlange Arbeitszeiten) und dass die Kleidung möglichst ökologisch produziert wird (z.B. Baumwolle aus Öko-Landbau, Klärung der Abwässer, keine giftigen Farben).    

Was bedeutet für euch „Nachhaltigkeit“?

Nachhaltigkeit bedeutet für uns erstens, dass die Produktion und im Verkauf der Kleidung möglichst wenig Umweltzerstörung erzeugt. Zweitens wollen wir nachhaltig mit der Ressource Arbeitskraft umgehen. Näher*innen oder Verkäufer*innen sind für uns nicht einfach ein Mittel zum Zweck, sondern Menschen, die eine sichere Arbeit benötigen, bei der sie nicht ständig an die Belastungsgrenze gehen. 

Das Thema Nachhaltigkeit ist mehr und mehr in aller Munde. Bemerkt ihr diesen Trend auch bei eurem Online-Shop?

Hmm -  das ist eine schwierige Frage. Seit wir „zündstoff“ 2006 gegründet haben, wird immer wieder gesagt, dass 'Ecofashion' das ganz große Ding wird. So einen richtigen Hype gab es für uns persönlich aber nie. „zündstoff“ ist die ganze Zeit konstant - vom Mini-Garagenbetrieb bis heute - gewachsen und auch die Zahl der Marken, aus denen wir auswählen können, ist deutlich größer als vor 13 Jahren. Und selbstverständlich gibt es nicht nur eine Hand voll Läden oder Onlineshops mit einem ähnlichen Angebot wie wir, sondern mehrere dutzend.

Was meiner Ansicht nach deutlich gewachsen ist, ist die Betonung von Nachhaltigkeit auch bei konventionellen Marken und Händlern. Allerdings finde ich es selbst extrem schwierig was davon 'Greenwashing' ist und was wirkliches Bemühen, nachhaltiger zu werden. Es ist aber wahrscheinlich auch schwieriger, ein großes Unternehmen umzugestalten und alle Produktionsketten nachhaltig zu machen, als einfach wie wir von vorne klein anzufangen. 

Woran erkennt man nachhaltige Kleidung?

Am einfachsten aus Kund*innesicht ist sicherlich der Einkauf im 'Ecofashion-Fachhandel', bei uns z.B. können wir sehr transparent Auskunft geben wie und wo die Kleidung hergestellt wird. 

Außerdem kann man sich auf das GOTS-Siegel gut verlassen. Da werden neben der ökologischen Nachhaltigkeit auch die Arbeitsstandards geprüft. Außerdem ist das Siegel weit verbreitet und man findet auch mal Bettwäsche oder Handtücher damit.
Im Bereich Konfektionierung (also Nähen usw.) empfehlen wir gerne die „Fair Wear Foundation“, in der die Marken Mitglied werden können, wenn sie ernsthaft was verbessern wollen. Die zielen auf einen sehr hohen Standard ab, haben aber geringe Einstiegshürden und verbessern die Marken über einen längeren Zeitraum und sehr ganzheitlich.

Insgesamt ist das ein sehr schwieriges Thema, wo man recht viel Fachwissen zu den verschiedenen Siegeln braucht. Zum Beispiel gibt es ja auch noch den 'Grünen Knopf', der aber gerade was die erlaubten Rohstoffe nicht besonders 'grün' ist.     

Bei welchen Marken kaufst du persönlich eure Kleidung?

Ich 'kaufe' eigentlich nur bei uns selbst. Lediglich Funktionskleidung kaufe ich woanders. Da versuche ich aber auch auf eine Mitgliedschaft der Marke in der „Fair Wear Foundation“ oder Siegel zu achten.   

Wie lebst du „Nachhaltigkeit“ privat?

Ich fahre Rad oder Bahn, und nur wenn's nötig ist Auto. Ich fliege fast nie und esse nur ein Mal pro Woche Fleisch. Die meisten Lebensmittel kaufe ich Bio und / oder auf dem Wochenmarkt. Die Kleidung für meine Kinder kaufe ich fast immer gebraucht über Mami-Kreisel. 
Insgesamt versuche ich halt recht ressourcenschonend zu leben. Ich finde schon, dass wir alle ein wenig nachhaltiger konsumieren können, und mal auf was zu verzichten. Ich glaube aber auch, dass wirkliche Veränderungen auch immer von der Politik kommen müssen und bin da deshalb nicht sehr vorwurfsvoll anderen gegenüber. Für mich ist eine konsumkritische Haltung auch zum Teil Selbstschutz vor dem ganzen (Über-)Angebot an Artikeln, auf die ich irgendwie Bock hätte, aber eigentlich nicht brauche.  

Deiner Erfahrung nach: Wie viel Geld sind die Deutschen bereit, für Kleidung ausgeben?

Ich denke, dass die meisten Leute schon recht viel Geld für Kleidung ausgeben. Schließlich sind es statistisch schon seit einigen Jahren etwas über 1200 Euro im Jahr. Vor allem die Anzahl an Teilen ist gestiegen – auf etwa 60 Kleidungsstücke im Jahr. Da sind zwar auch Socken und Unterwäsche dabei, aber selbst 30 Hosen, Jacken, T-Shirts, usw. wären ja noch recht viel. Ich habe oft das Gefühl, dass die Leute halt kaufen, was es so gibt, und ihnen gefällt bzw. ihren Preisvorstellungen entspricht. Da die Durchschnittspreise weiter sinken, geben die Leute das gleiche Geld für immer mehr Artikel aus.

Manche achten halt mehr auf Qualität und kaufen weniger teurere und zeitlosere Teile; andere kaufen einfach mehr Zeug, das dann schnell aus der Form geht oder nicht mehr gefällt, weil es nicht so zeitlos ist.
Ich persönlich finde es vollkommen okay auch mal 100,- Euro bis 140,- für eine Hose auszugeben oder 90,- Euro für ein Sweatshirt, und die Kundinnen bei uns im Laden auch. Dafür kann man allerdings auch eine gute Qualität erwarten.   

Was sagst Du denjenigen, die sagen, dass sie sich nachhaltige Kleidung nicht leisten können?

Die meiste nachhaltige Kleidung bei uns kostet nicht mehr als konventionelle Markenkleidung. Es gibt ja einige Marken aus unserem Portfolio auch in klassischen Modehäusern oder bei anderen konventionellen Einzelhändlern. 

Wichtig finde ich, da nicht moralisch zu sein, und ich finde über seinen / ihren Konsum muss erstens jede*r selbst entscheiden. Gleichzeitig ist "sich etwas leisten können" dadurch auch immer sehr individuell. "Ich habe zu wenig Geld" fänd ich bei jemandem die /der zwei Hotelurlaube inklusive Flugreise im Jahr macht oder regelmäßig am Wochende 100,- Euro für's Feiern ausgibt als Argument extrem unehrlich. In dem Fall wäre es ehrlicher zu sagen, dass einem nachhaltiger Konsum einfach nicht so wichtig ist wie andere Dinge. Ich persönlich setze meine Prioritäten halt anders und kann höchstens versuchen jemanden mit dem besseren Argument zu überzeugen, aber meine Mitmenschen sind nun mal so wie sie sind. Ich finde es immer ziemlich ätzend, wenn sich jemand wegen eigener Konsumgewohnheiten über andere stellt. Genauso dämlich ist es aber auch sich und anderen in die Tasche zu lügen, dass irgendwas "nicht geht" nur weil man für sich andere Prioritäten setzt.
Um mal auf die Zahlen aus der vorherigen Frage zurückzukommen, würde man sich für die 1200,- Euro zwar bestimmt weniger als 60 Teile leisten können, aber sicher genug um sich ein ganzes Jahr kleiden zu können.

Das Problem ist ja bei den allermeisten Leuten nicht, dass jemand nichts zum Anziehen hat, was der Person gefällt. das Problem ist, dass die Leute einfach insgesamt zu viel Zeug kaufen, ihre Sachen nicht pflegen und reparieren - also insgesamt wenig wertschätzen. Mich wundert das aber auch nicht so sehr, wenn der Zweierpack T-Shirts weniger kostet als der Cappuccino, den man danach trinkt. Es gibt aus meiner Sicht einfach eine Schieflage was die Konsumgesellschaft und das Wirtschaftssystem angeht.

Wenn jemand wirklich wenig Geld hat, sind die Sachen bei uns natürlich deutlich teuer im Vergleich zu Primark oder H&M und ich würde auf keinen Fall verurteilen, wenn die Leute notwendige Sachen dort kaufen, weil sie es sich wirklich nicht anders leisten können.

 Plant ihr auch bei den Größen eine weitere Spannbreite anzubieten (Stichwort: curvy)?

Das hängt stark davon ab wie sich der Markt entwickelt und was unsere Lieferanten anbieten. Momentan hätten wir zumindest im Laden keinen Platz für weitere Artikel und aktuell verkaufen wir auch nicht besonders viele größere Größen, sondern deutlich mehr S als L. Vor allem bei Damenjeans würde ich mir allerdings größere Bundweiten wünschen, aber leider gibt es die bei unseren Lieferanten nicht.