Interview mit Silvana Denker

Interview mit Silvana Denker

SIE steht für Bodypositivity wie keine andere: Curvy-Model und Fotografin Silvana Denker. Auf ihrem Instagram-Channel folgen ihr über 65.000 Fans – und seit letzter Woche begeistert sie als Coach in der SAT.1-Show "No body is perfect – das Nacktexperiment" (montags, 20.15 Uhr). Wir haben mit dem Allround-Talent über die Show und Selbstliebe gesprochen – und sie hat uns verraten, was das schönste Kompliment war, was sie je bekommen hat. Viel Spaß beim Lesen!

Als Curvy-Model machen Sie vor der Kamera immer einen selbstbewussten Eindruck und wirken sehr zufrieden mit sich. War das schon immer so?

Ich habe mich mein halbes Leben lang selbst gehasst, habe mir gewünscht, jemand anderes zu sein, meinen Körper wegschneiden und gegen einen anderen ersetzen zu können. Selbst mit Kleidergröße 38 fand ich mich zu dick, so war es für mich das schlimmste, als ich mit 19 aufgrund meiner Essstörung das erste Mal 25kg zunahm. Ich habe viele Jahre gebraucht, mich selbst zu akzeptieren, ja sogar zu lieben.

Was hat Ihnen auf Ihrem Weg dabei geholfen, sich selbst so anzunehmen, wie Sie sind?

Tatsächlich haben mir mein Job als Curvy Model und Fotografin und die Menschen, die ich dadurch kennengelernt habe, sehr geholfen. Ich habe immer mehr erkannt, dass es nicht Kleidergröße 34 oder eine makellose Haut braucht, um schön zu sein, ein toller Mensch und wertvoll. Ich sehe mittlerweile Schönheit in so vielen Dingen, die mir früher nie bewusst war. Am meisten haben mir aber meine Body-Positivity-Kampagnen, allen voran „BodyLove“, mit der ich vier Jahre durch die Welt gereist bin, geholfen. Die vielen Geschichten der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, das Gefühl, man ist nicht allein, man wird verstanden und ist gemeinsam stark, haben mir unglaublich viel gegeben. Und natürlich habe auch ich selbst einmal an meiner eigenen Kampagne teilgenommen und bin nur in Unterwäsche durch Kopenhagen gelaufen und es war eines der befreiendsten Gefühle, die man sich vorstellen kann. Mittlerweile shoote ich ständig in Unterwäsche an Orten, wie z.B. dem Times Square, das kann ich jedem empfehlen

Der Style von Silvana zum Nachshoppen

Was glauben Sie ist der Grund, warum insbesondere Frauen so selbstkritisch mit sich sind? Und was raten Sie ihnen?

 

Es gibt eine ganze Industrie, die Geld damit verdient, dass Frauen sich schlecht fühlen. Wer hat uns Frauen eingeredet, dass Cellulite etwas schlechtes, unnormales ist, obwohl über 90% aller Frauen im Laufe ihres Lebens welche bekommen? Von klein auf wird uns eingetrichtert, dass wir gut auszusehen und schlank zu sein haben. Und wir Frauen vergleichen uns immer gern mit anderen, damit sollten wir aufhören. Wir sind doch alle individuell, sind auf unsere Weise schön, das kann man nicht vergleichen.

Shootings in Unterwäsche gehören für Sie zum Beruf. In der neuen SAT.1 Sendung allerdings sind nicht nur die Teilnehmer, sondern auch die Coaches bis auf die Körperbemalung ständig nackt. War das zu Beginn kein seltsames Gefühl?

Tatsächlich hat es mir überhaupt nichts ausgemacht, nackt zu sein. Ich habe auch schon viele Shootings gehabt, bei denen ich nackt war, auch mit Bodypainting. Ich war überrascht, wie leicht es mir fiel und es hat mir, obwohl ich mich eigentlich sowieso schon mag wie ich bin, nochmal einen Boost fürs Selbstbewusstsein gegeben.

Auch Männer nehmen an dem Experiment Teil. Ist Bodyshaming auch für die Herren ein großes Thema?

Ich dachte früher, das Thema sei Frauensache, bis mich auch immer mehr Männer anschrieben, als ich mit meiner BodyLove Kampagne begann. Sie erzählten mir, dass auch sie sich unter Druck gesetzt fühlen, möglichst muskulös zu sein oder volles Haupthaar zu haben. Ich denke zwar, der Großteil der Betroffenen ist weiblich, aber ich denke schon, dass es auch viele Männer gibt, für die es ein Thema ist, die es aber eher mit sich selbst ausmachen, um sich keine Blöße zu geben.

Bereits vor „Nobody is perfect” haben Sie mit Ihrer Bodylove-Aktion für viel positive Presse gesorgt. Was hat Sie dazu bewegt, eine solche Kampagne zu starten?

Bereits seit vielen Jahren mache ich Kampagnen und Fotoprojekte, um Menschen Mut zu machen, zum Nachdenken zu bringen, um auf Themen aufmerksam zu machen. Ich stehe mit meiner eigenen Geschichte dahinter, mit meinem Weg von absolutem Selbsthass, Kampf gegen eine Essstörung mit extremen Gewichtsschwankungen und vielem mehr hin dazu, mich selbst anzunehmen, meinen Körper als das Wunder anzusehen, das er ist. Ich möchte anderen auf ihrem persönlichen Weg helfen und wieder mehr Realität zeigen, denn die ist bei all der Bildbearbeitung in den Medien etwas verloren gegangen.

Sind Sie selbst jemals in Kontakt mit Mobbing bzw. „Bodyshaming“ gekommen? Und wie können sich gerade junge Menschen vor negativen Kommentaren auf Social Media schützen?

Ich selbst bin in der Schule gemobbt worden, das ging bis hin zu körperlicher Gewalt, ich war immer eher ein Außenseiter und habe mich gefragt, was mit mir nicht stimmt, dass mich keiner mag. Mittlerweile weiß ich, dass ich gut bin, so wie ich bin und die vielen unglaublich tollen Nachrichten und Briefe, die mich immer wieder von Menschen erreichen, die an meinen Projekten oder Fotoshootings teilnehmen (mittlerweile sage ich schon, dass meine Fotoshootings therapeutisch wirken) und auch die vielen Rückmeldungen von Menschen, die über die Jahre, hauptsächlich durch diese Arbeit, in mein Leben getreten und geblieben sind, bestätigen mir das auch immer wieder.
Natürlich habe ich auch schon so manches Cybermobbing oder Shitstorms hinter mir, da gehen die Leute ja gern auch unter die Gürtellinie. Auch dazu habe ich bereits vor einem Jahr eine Aktion gemacht, bei der ich mir all diese Beschimpfungen auf den Körper geschrieben und mich in Unterwäsche in eine Fußgängerzone gestellt habe.
Mittlerweile ignoriere ich das meiste davon und das kann ich auch nur empfehlen. Nur, wenn ich das Gefühl habe, dass eine Diskussion vielleicht einen Denkanstoß gibt, lasse ich mich auch mal auf eine Diskussion ein.

Was war das schönste Kompliment, dass Sie je bekommen haben?

Das schönste, was jemand zu mir sagte, war: „Du hast mein Leben verändert.“ Das sagte eine Teilnehmerin meiner BodyLove Kampagne, nachdem wir gerade die Aktion auf dem Times Square gemacht hatten. Und dann lagen wir uns weinend in den Armen.

Was wäre der erste Schritt auf der Suche nach sich selbst?

Wir sollten wieder anfangen, unserem Körper zuzuhören, in uns hinein zu horchen. Und ein ganz einfacher Trick ist, sich vor den Spiegel zu stellen und statt aufzuzählen, was man an sich nicht mag, anzufangen aufzuzählen, was man mag. Das Leben ist so kurz, wir sollten aufhören, diese Zeit mit Selbsthass zu verschwenden.